Geschichte

Geschichte des Ikonen-Museums Recklinghausen

Christus "Das nichtschlafende Auge", Russland, 16. Jh.

Gründung

Die ungewöhnliche Idee zur Gründung des Ikonen-Museums in einer damals vom Bergbau geprägten Stadt mitten im Ruhrgebiet entstand während einer Ausstellung von hundert Ikonen aus westdeutschem Privatbesitz, die zu Beginn des Jahres 1955 in der Städtischen Kunsthalle gezeigt wurde. Damals waren die Kultbilder der Ostkirche noch nahezu unbekannt, doch die Ausstellung zog unerwartet viele Besucher an. Als der Initiator der Ausstellung und damalige Direktor der Recklinghäuser Kunsthalle, Thomas Grochowiak (1914–2012), erfuhr, dass die beiden bedeutendsten deutschen Ikonensammler, der Osteuropahistoriker Prof. Dr. Martin Winkler (1893–1982) und der Hautarzt Dr. Heinrich Wendt (1901–1956), ihre Sammlungen zum Kauf anboten, hatte er eine zukunftsweisende Idee: Er wollte die Ikonen für Recklinghausen erwerben und ein Museum für ostkirchliche Kunst gründen. Schon anderthalb Jahre nach der Ausstellung, am 21. Juli 1956, konnte das Ikonen-Museum in der ehemaligen Turmschule, einem 1795 errichteten Gebäude gegenüber der Propsteikirche St. Peter, mitten in der Altstadt von Recklinghausen eröffnet werden.

Die insgesamt 73 russischen Ikonen der Sammlungen Wendt und Winkler bildeten den qualitativ hochwertigen Grundstock für das neue Museum. Bis zur Eröffnung konnte der Bestand durch zusätzliche Ankäufe und Schenkungen um weitere 150 Ikonen erweitert werden.

Christi Auferstehung u. Höllenfahrt, Russland, 16. Jh.
Konstantin, Helena u. Agathe, Russland, 16. Jh.

Aufbau der Sammlung

Zahlreiche Einzelstücke und ganze Sammlungen kamen in den nächsten Jahren hinzu. 1957 wurden zehn Ikonen aus der Kollektion der damals in New York lebenden österreichischen Kunsthistorikerin Dr. Fannina Halle (1881–1963) erworben, die früher dem Ikonenforscher Prof. Dmitrij Ajnalov (1862–1939) gehört hatten. 1962 kamen drei großformatige Ikonen aus dem Besitz von Hans-Heinrich von Herwarth von Bittenfeld (1904–1999) in das Museum, die zu den absoluten Spitzenwerken der russischen Ikonenmalerei des 16. Jahrhunderts gehören: ein Jahreskalender auf zwei Tafeln, der alle Heiligen und Festtage des gesamten orthodoxen Kirchenjahres in genauer Datenfolge zeigt, und eine monumentale Ikone der Höllenfahrt Christi.

Mit finanzieller Unterstützung des Westdeutschen Rundfunks (WDR) gelang dann 1965 der Ankauf des 50 Ikonen umfassenden Nachlasses des russischen Kunsthändlers Alexandre Popoff (1885–1965), der nach der Oktoberrevolution nach Paris emigriert war. Auch unter diesen Ikonen gab es zahlreiche herausragende Stücke: Eine Petrusikone der Novgoroder Schule des späten 15. Jahrhunderts etwa, die aus der Deesisreihe einer Ikonostase stammt, oder eine großformatige Ikone der heiligen Konstantin und Helena mit Agathe.

Die genannten Sammlungen, die in den ersten zehn Jahren erworben werden konnten, bestanden zwar aussschließlich aus russischen Ikonen, doch die Sammeltätigkeit des Museums beschränkte sich keineswegs nur auf Ikonen einer Provenienz. Dadurch unterscheidet sich das Ikonen-Museum Recklinghausen von fast allen anderen Museen ostkirchlicher Kunst, in denen entweder russische oder griechische Ikonen ausgestellt sind, während die Besucher in Recklinghausen einen Einblick in die ganze Bandbreite der Ikonenkunst erhalten können.

Seit dem Ende der sechziger Jahre wurde die Sammlung außerdem um rumänische Hinterglasikonen erweitert, nachdem 1966 eine Ausstellung dieser im 18. und 19. Jahrhundert in leuchtenden Farben gemalten volkstümlichen Heiligenbilder aus Siebenbürgen in der Kunsthalle gezeigt worden war. Die Kollektion umfasst inzwischen 88 Werke.

Außerdem beheimatet das Ikonen-Museum seit den 1960er Jahren eine Koptische Sammlung: Mumienporträts, Architekturfragmente, Grabstatuen, Objekte aus Ton, Bronze und Glas dokumentieren den Übergang von der heidnischen zur christlichen Kunst. Die Sammlung spätantiker und christlicher Werke aus Ägypten gehört zu den bedeutendsten in Deutschland.

Das Jüngste Gericht, Russland, 17. Jh.

Neugestaltung der Ausstellung

Von 1988 bis 1990 wurde das Ikonen-Museum von Grund auf renoviert und völlig neu gestaltet. Die ehemals kleinteilige Raumstruktur wurde beseitigt und durch fünf großzügig angelegte Ausstellungsräume ersetzt. Weiterhin wurde einer Präsentation der Bestände nach thematischen Gesichtspunkten den Vorzug gegeben vor einer nach chronologischen oder regionalen Kriterien. Damit soll die Bedeutung der Ikonen als Kultbilder der orthodoxen Kirche gegenüber ihrer rein kunsthistorischen Zuordnung hervorgehoben werden.

Zur Wiedereröffnung konnten damals drei hervorragende Ikonen erworben werden: eine äußerst fein gemalte Darstellung einer Kirchenikonostase mit zehn Reihen von Einzelikonen aus der Zeit um 1800, ferner eine über 1,80 m hohe Tafel mit der Darstellung des Marienhymnus „Über Dich freuet sich“, die mit ihren barocken Einflüssen dem Geschmack der russischen Aristokratie in der Zeit um 1700 entsprach, und eine ebenso große Tafel des „Jüngsten Gerichts“ aus der zweiten Hälfte des 17. Jahrhunderts.

Hl. Demetrios mit Mandylion und Heiligen, Russland, 19. Jh.

Stiftungen und Nächlässe

In den letzten Jahren konnte das Ikonen-Museum seine Bestände weniger durch spektakuläre Ankäufe als durch Stiftungen, Schenkungen und Nachlässe vergrößern. Die vorher recht bescheidene Zahl von Metallikonen wuchs durch die Schenkung von Dr. Manfred Schnell aus Baden-Baden 1997 und den Nachlass von Theresa Kaiser aus Bochum 1999 um insgesamt 93 Stücke. 2004 wurde zudem eine Stiftung von 26 hochkarätigen Ikonen eingerichtet, die aus dem Besitz von Prof. Dr. Karlheinz Idelberger und seiner Frau stammen. Neben zahlreichen kleineren, aber oft qualitätvollen Schenkungen erhielt das Ikonen-Museum 2010 einen Nachlass von ca. 2.000 Metallikonen und -kreuzen, der sämtliche Varianten dieser Gattung umfasst.