Ikonen des Monats

Lukas malt die Ikone der Gottesmutter Hodegetria, Byzanz, Anfang 15. Jh.

Oktober 2019

 

Lukas malt die Ikone der Gottesmutter Hodegetria

Byzanz, Anfang 15. Jh. Eitempera auf Holz, 26,4 x 18,3 cm

Ikonen-Museum Recklinghausen (Inv.-Nr. 424)

 

Der heilige Lukas wird am 18. Oktober verehrt. Er ist bekannt als einer der vier Evangelisten, Autor der Apostelgeschichte und einer der 70 Apostel, die von Christus ausgesandt wurden um seine Botschaft zu verkünden. Weiterhin gilt er als der erste Ikonenmaler, was auf unserer Ikone dargestellt ist. Sie wird auf den Anfang des 15. Jahrhunderts datiert. Es dürfte es sich um die früheste erhaltene Wiedergabe des Themas auf einer Ikone handeln, wo es generell nur selten anzutreffen ist (die ältesten Darstellungen sind zwei byzantinische Handschriften-illustrationen aus dem 13. Jahrhundert). Forschungen von Frau Dr. Eva Haustein-Bartsch ergaben, dass die Ikone Teil eines Polyptychons war, welches mindestens acht Darstellungen enthielt. Es wurde 1963 in seine Einzelteile zerschnitten, von denen einige in verschiedenen Museen identifiziert werden konnten.

 

Unsere Ikone zeigt Lukas auf einem Stuhl sitzend, wie er die Ikone der Muttergottes mit dem Jesuskind vollendet. Er soll das Bild noch zu Lebzeiten der Muttergottes gemalt haben. „Die Gnade dessen, der geboren wurde durch mich, sei mit diesem Bild“ soll sie freudig gesagt haben, als sie das Bild sah. Diese Legende wird erstmals im 8. Jahrhundert erwähnt, kurz vor Beginn der unter dem Begriff „Ikonoklasmus“ gefassten Auseinandersetzung um die Bilderverehrung in Byzanz. Legenden über die Existenz originaler Porträts von Christus und der Gottesmutter spielten in dieser Auseinandersetzung eine wichtige Rolle: Wenn Christus selbst einen Tuchabdruck seines Gesichts hervorbrachte (das Mandylion, siehe Ikone des Monats August) und die Gottesmutter sich von Lukas malen ließ und die Ikone sogar segnete, war eigentlich kein Widerspruch mehr gegen die Ikonenmalerei und –verehrung möglich. Aus diesem Grund ist Lukas auch der Schutzheilige der Ikonenmalerinnen und -maler.

 

Die von Lukas gemalte Ikone ist die der Hodegetria, die im Hodegon-Kloster von Konstantinopel verehrt wurde und 1453 bei der Eroberung der Stadt durch die Osmanen zerstört wurde. Der Legende nach fertigte Lukas mehrere Porträts der Gottesmutter an, so dass neben der in Kopien fortlebenden Hodegetria weitere Ikonen als Lukasbild verehrt werden. Dazu gehören die Ikone der Gottesmutter von Vladimir (siehe Ikone des Monats Juni) und die unter dem Titel „Salus Populi Romani“ bekannte Ikone, die sich in der Kirche Santa Maria Maggiore in Rom befindet.

 

Text: Anika Richter

Gottesmutter „Unverbrennbarer Dornbusch“, Russland, 17. Jh. (Inv.-Nr. 325)

September 2019

 

Gottesmutter „Unverbrennbarer Dornbusch“

Russland, 17. Jh., Eitempera auf Holz, 31 x 28 cm

Ikonen-Museum Recklinghausen (Inv.-Nr. 325)

 

Der 4. September ist der Tag, an dem die orthodoxe Kirche die Ikone der Muttergottes „Unverbrennbarer Dornbusch“ verehrt. Die Textvorlagen für dieses Motiv liegen im Alten Testament, in Hymnen und in apokryphen Texten. Schon von den Kirchenvätern wurde die Muttergottes wird mit dem Dornbusch verglichen, aus dem Gott auf dem Berg Horeb zu Mose sprach. Der Dornbusch brennt zwar, doch verbrennt er nicht. Die Ikone setzt die typologische Interpretation dieses Ereignisses ins Bild. In ihr hat sich das Feuer, welches Gott ist, niedergelassen. Doch bleibt sie ebenso wie der Busch, unversehrt: Das Motiv verdeutlicht die Jungfräulichkeit der Gottesmutter.

 

Auf russischen Ikonen wird dieser Vergleich in zahlreichen Details und kleinen Szenen ins Bild gesetzt. Im Zentrum befindet sich die Gottesmutter mit dem Kind. Vor ihrer Brust erscheint Christus erneut in einer Miniatur des himmlischen Jerusalem, ihre rechte Hand liegt über einer Leiter. Nach dem bekannten Hymnus Akathistos (griech. „nicht-sitzend“, d. h. im Stehen gesungen) war Maria die Leiter, auf der Christus zur Erde hinabstieg. Die gekrönte rote Figur unterhalb ihrer rechten Schulter ist ebenfalls Christus in Gestalt der Sophia, der göttlichen Weisheit.

 

Die sternförmige, achteckige Struktur weist auf den achten Tag der Schöpfung hin, den Sonntag, der als achter Tag der Woche und gleichzeitig Beginn der neuen Woche gezählt sowie als Tag der Wiederauferstehung gefeiert wird. Das vordere Viereck in grün kann als Symbol für den Dornbusch gesehen werden, das rote Viereck symbolisiert analog dazu das Feuer. Die Gottesmutter ist umgeben von den Evangelistensymbolen und zahlreichen Engeln, die durch die Inschriften als Mächte verschiedener Naturphänomene (Feuer, Sturm, Nebel, Wolken, Frost u. a.), aber auch Engel der Rache, der Weisheit und der Vernunft bezeichnet werden. Die Vorstellung von Engeln als „Naturgeister“ findet sich an vielen Stellen im Alten Testament ( z. B. Ps 103), wichtig ist hier auch das pseudepigraphische, d. h. nicht zum Kanon des Alten Testaments gezählte Buch der Jubiläen (2. Kapitel).

 

In der oberen linken Ecke ist Mose mit dem brennenden Dornbusch zu sehen, in dem die Gottesmutter des Zeichens erscheint. Rechts oben wird meistens die Wurzel Jesse oder der Prophet Jesaja gezeigt. Bei unserer Ikone ist erneut Mose mit einem Engel zu sehen (die Namens-Inschrift ist noch schwach zu entziffern), eine eher seltene Variante. Unten links wird die Vision des Propheten Ezechiel vom Gottestor des himmlischen Jerusalem gezeigt (Ez 44:1-2), unten rechts der Traum Jakobs von der Himmelsleiter (Gen 28:12), beides erneut auf die Jungfrauengeburt hinweisende Typologien. Bei der liegenden Gestalt in der Mitte unten handelt es sich um eine auf den liegenden Stammvater reduzierte Darstellung der Wurzel Jesse. 

 

Ikonen mit  dem Unverbrennbaren Dornbusch wird die Fähigkeit zugesprochen, wundersam vor Feuer zu schützen oder dieses zu löschen. Bei Hausbränden wird die Ikone von den Gläubigen in Richtung des Feuers gehalten, in der Hoffnung, dass die Flammen nachlassen und das Gebäude intakt bleibt.

 

Text: Anika Richter

Mandylion, Weissrussland (?), um 1800
Replik der Ikone an der Via Dolorosa (6. Station, Santa Veronica)

August 2019

 

Mandylion

Weißrussland (Vetka?), um 1800

Eitempera auf Holz, 76,5 x 60,5 cm

Erworben 1965 aus der Sammlung

Prof. Dr. Martin Winkler

(Inv.-Nr. 630)

 

Die orthodoxe Kirche feiert am 16. August das Heilige Mandylion, das an diesem Tag im Jahr 944 in Konstantinopel eintraf. Das Abgarbild, wie das Mandylion auch genannt wird, ist die wohl wichtigste Ikone in der christlichen Geschichte. Denn sie zeigt das Abbild Christi, welches er selbst auf einem Tuch erzeugt haben soll. Der Name Mandylion ist dem arabischen mandil oder mindil entlehnt, was Tuch bedeutet.

 

Der Legende nach drückte Christus sich ein Tuch auf sein Gesicht, als er von der schweren Krankheit des Königs Abgar V. von Edessa erfuhr, ihn jedoch nicht selbst besuchen konnte. Auf wundersame Weise entstand auf dem Stoff ein  Abdruck des Gesichtes Christi. Er ließ das Tuch zu Abgar schicken, der beim Empfang des Mandylions von seiner Krankheit geheilt wurde. Danach soll das Tuch über dem Stadttor Edessas eingemauert worden sein, wo es bis zum 6. Jahrhundert blieb und in Vergessenheit geriet. Während eines persischen Angriffs auf die Stadt wurde es wiederentdeckt und soll die Rettung der Stadt vor den Persern bewirkt haben. Doch nicht nur das – der Abdruck auf dem Tuch hatte einen weiteren Abdruck auf einem Ziegelstein hinterlassen. Dies unterstützte den Glauben an die Echtheit und Wunderkraft des Tuchs. Der Abdruck auf dem Stein wurde selbst zur Ikone, die als Keramidion bekannt ist.

 

Am 16. August 944 wurde das Mandylion nach Konstantinopel gebracht und in einer Palastkapelle als Reichspalladion verwahrt. Es verschwand im Jahr 1204 im Zuge der Plünderung Konstantinopels durch den Vierten Kreuzzug.

 

Auch wenn in den folgenden Jahrhunderten mehrere Mandylia als Original bezeichnet und verehrt wurden, ist nicht einwandfrei gesichert, wo sich das erste Mandylion befindet oder ob es überhaupt noch existiert. Zwei Ikonen, eine im Vatikan, eine weitere in Genua, zeigen einen sehr frühen Darstellungsstil, der sich möglicherweise am Original orientiert haben kann. Die neuere Forschung hält es außerdem für möglich, dass es sich bei dem sogenannten Schleier von Manoppello (Volto Santo) um das ursprüngliche Mandylion handeln könnte.

Doch nicht nur seine Legende und die turbulente Geschichte machen das Mandylion zu einer der wichtigsten Ikonen. Als erstes Bild, das „nicht von Menschenhand geschaffen“ war, stellt es den Archetypus dieser Art Ikone dar und hob das Bilderverbot auf, das im Alten Testament ausgesprochen wurde und um das lange Zeit gestritten wurde. Somit gilt das Mandylion als die erste und definitive Legitimation der Ikonendarstellungen von Christus, Gott und Heiligen.

 

Das Ikonen-Museum Recklinghausen besitzt mehrere wichtige Ikonen des Mandylions, eine besonders schöne (Abb. 1) wird auf die Zeit um 1800 datiert und stammt wohl aus Weißrussland. Das Gesicht Christi wird ohne Hals und Schulteransatz auf einem reich verzierten Tuch dargestellt. Die Haare sind mittig gescheitelt und fallen zu beiden Seiten des Gesichts hinab. Aus Sicht des Betrachters enden sie links in zwei lockig gewundenen Haarsträhnen, rechts in deren drei. Bei genauerem Hinsehen erkennt man, dass hier die dritte, mittlere Strähne nachträglich ergänzt wurde. Diese Aufteilung der Haarsträhnen Christi begegnet auf Ikonen ab dem 17. Jahrhundert häufiger. Grundlage dürfte die christliche Zahlensymbolik gewesen sein: Die Zahl Zwei steht für die göttliche und menschliche Natur in Christus, die Drei für die Dreifaltigkeit.

 

In Jerusalem wird an der sechsten Station der Via Dolorosa eine Replik dieses Mandylions ausgestellt (Abb. 2). Der Zusammenhang zwischen dem Mandylion und der Station, Santa Veronica, erschließt sich aus der ganz ähnlichen Entstehungslegende des Schweißtuches der heiligen Veronika, welches an der Stelle verehrt wird. Es heißt, Christus habe seinen Abdruck auf einem Tuch hinterlassen, welches ihm von der heiligen Veronika auf seinem Weg zur Kreuzigung gereicht wurde, um sich Blut und Wasser vom Gesicht zu wischen. Die beiden Überlieferungen wurden häufig vermischt, einige (späte) Mandylion-Ikonen zeigen sogar als Randszene die Begegnung Christi mit Veronika.

 

Zur Feier des Festtags des Mandylions am 16. August sowie anlässlich der Eröffnung der Mandylion-Ausstellung im Ikonen-Museum Recklinghausen am 17. August ist das Mandylion unsere „Ikone des Monats“.

 

(Text: Anika Richter)

Hl. Marina, Russland (Mstera), 1892

Juli 2019: Hl. Marina von Antiochia

 

Iosif Andreevič Pankryšov

(1859–nach 1921)

Hl. Marina

Russland(Mstera), 1892

Eitempera auf Holz, 26,5 x 22,5 cm

Erworben 2018 (Inv.-Nr. 4089)

 

Die hl. Großmärtyrerin Marina von Antiochia (ca. 289–305), die im Westen als hl. Mar­gareta bekannt ist und zu den 14 Nothelfern zählt, wird nur selten auf Ikonen dargestellt. Sie steht in einer wunderschön gemalten Berglandschaft mit Kirchengebäuden und Holzhäusern und wendet sich im Gebet der Heiligen Dreifaltigkeit in der oberen linken Bildecke zu.  In der orthodoxen Kirche wird sie am 17. Juli verehrt.

 

Über ihr Leben existieren mehrere teils voneinander abweichende Überlieferungen. So soll sie die Tochter eines heidnischen Priesters gewesen sein, die von einer christlichen Amme zum Glauben erzogen wurde; als dies bekannt wurde, ließ der Stadtpräfekt sie martern und enthaupten. Er verhielt sich besonders grausam, weil er die junge Frau begehrte und von ihr abgewiesen wurde. Nach einer anderen Tradition habe der Stadtpräfekt Marina Schafe hüten sehen und begehrte sie daraufhin; weil sie standhaft blieb, ordnete er ihre Folterung an, ließ sie einkerkern und später hinrichten. Im Gefängnis soll sie von einem Drachen verschlungen worden sei, den sie durch das Kreuzzeichen zum Bersten gebracht habe; als ihr dann der Teufel erschien, bezwang sie ihn ebenfalls. Auf Fresken und seltener auf Ikonen sieht man sie manchmal, wie sie den Teufel am Haarschopf packt und mit einem Hammer schlägt.

 

Nicht nur die qualitätsvolle Malerei und das seltene Motiv machen diese Ikone so einzigartig, sie ist weiterhin datiert und mit einer Malersignatur versehen. Ikonen wurden in Russland in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts zum großen Teil in Malerwerkstätten hergestellt, die in jeder Stadt, vielen Dörfern und den meisten Klöstern zu finden waren. Berühmt sind die Malerdörfer Palech, Choluj und Mstera östlich von Moskau, in denen nahezu die gesamte Bevölkerung damit beschäftigt war, die große Nachfrage an Ikonen in der Bevölkerung zu befriedigen. Viele Werkstätten entwickelten sich zu regelrechten Manufakturbetrieben, in denen ein Dutzend und mehr Mitarbeiter in standardisierte Arbeitsabläufe eingebunden waren und in kurzer Zeit wenn nötig Dutzende oder hunderte Ikonen anfertigten. Die Qualität hing vom Können des Meisters einer Werkstatt ab und vom Preis, neben Billigware für den Massenmarkt konnte man auch weiterhin hervorragend gemalte Ikonen erwerben. Ikonen wurden von den Meistern dieser Werkstätten nun auch häufiger signiert und datiert, was in früherer Zeit eine absolute Ausnahme war. Ihr Selbstverständnis hatte sich gewandelt: Galten die Ikonenmaler früher als persönlich unwichtige, von Gott gelenkte Instrumente zur Verkündung göttlicher Wahrheit, zeigten sie sich nun als individuelle Künstlerpersönlichkeiten und traten selbstbewusst in der Gesellschaft in Erscheinung.

 

Die Ikone der hl. Marina ist unten auf der Vorderseite von Iosif Pankryšov signiert. Auf der Rückseite befindet sich der Stempel seiner 1872 gegründeten Werkstatt. Er wurde 1859 in Mstera geboren und übernahm im Alter von 21 Jahren die Ikonenwerkstatt seines Vaters. Wegen der großen Konkurrenz in Mstera übersiedelte er nach Sibirien, wo er am 16. August 1898 seine Werkstatt in Tomsk eröffnete, großen Erfolg hatte und große Anerkennung auch in höchsten Kreisen fand. Nach der Oktoberrevolution wurde seine Werkstatt geschlossen. Die Ikone ist in einem blauen Medaillon mit kyrillischen Buchstaben in der Mitte des unteren Randes datiert, und zwar auf den 28. Februar 1892. Die Ikone von herausragender Qualität ist also in mehrfacher Hinsicht äußerst aufschlussreich und ein wahres Prachtstück der Sammlung des Ikonen-Museums.

Gottesmutter von Vladimir, Tretjakov-Galerie, Moskau
Gottesmutter von Vladimir, Russland, Ende 15. Jhd.
Gottesmutter von Vladimir, Russland, zweite Hälfte 17. Jhd.

"Ikone des Monats" Juni 2019: Gottesmutter von Vladimir

 

Am 23.6. feiert die russisch-orthodoxe Kirche das Fest der Ikone der Gottesmutter von Vladimir (weitere Feiertage sind der 21.5. und 26.8), der wohl berühmtesten Gottesmutterikone Russlands. Ihr Ehrentitel „Mutter der russischen Erde“ weist auf ihren engen Zusammenhang mit der russischen Geschichte hin, die sie über Jahrhunderte begleitete und beeinflusst haben soll. Bei der Ikone handelt es sich um eine ursprünglich byzantinische Arbeit, die im frühen 12. Jahrhundert in Konstantinopel gemalt wurde und zwischen 1131 und 1136 als Geschenk des Patriarchen nach Kiew gebracht wurde. Der späteren Legende nach soll sie vom Evangelisten Lukas noch zu Lebzeiten Marias gemalt worden sein, die dem Bild ihren Segen gab (diese „Lukasbilder“ dienten als eine der wichtigsten Begründungen christlicher Bilderverehrung). 1155 überführte Fürst Andrej von Bogoljubovo die Ikone nach Vladimir, das sich unter seiner Herrschaft zum neuen kulturellen, religiösen und politischen Zentrum Russlands entwickelte und der Ikone ihren Namen gab. Seit 1300 residierte auch der Metropolit von Kiev in Vladimir. 1395 brachte man die Ikone erstmals nach Moskau, wo ein drohender mongolischer Angriff durch ihr Eingreifen abgewendet worden sein soll; ein ähnliches Wunder schrieb man ihr im Jahr 1480 zu, als sie endgültig nach Moskau überführt wurde und die Stadt erneut vor einem tatarischen Heer gerettet haben soll (diesem Ereignis gedenkt man am 23.6.). Bis 1917 blieb die Ikone in der Ikonostase der Mariä-Entschlafen-Kathedrale des Kreml, wo nicht nur die russischen Zaren gekrönt, sondern auch die russischen Patriarchen (seit 1589) eingesetzt wurden. Heute befindet sie sich in der Tretjakov-Galerie (Bild 1).

 

Die Vladimirskaja entspricht dem Typus der Eleousa (griech. "die Barmherzige") bzw. Umilenie (russ.), der im 11. Jahrhundert in Byzanz entstand. Von der jetzt sichtbaren Malschicht sind lediglich die Gesichter noch weitgehend original erhalten, alle anderen Partien wurden teils mehrfach übermalt – unter anderem durch den berühmten Andrej Rublëv, der sie um 1411 noch in Vladimir erneuerte.

 

Als wundertätige Ikone wurde die Vladimirskaja unzählige Male kopiert (als sogenannte „authentische Kopie“, welche an der Wirkkraft des Urbildes teilhatte). Auch im Ikonen-Museum befinden sich einige Kopien, die schönste davon stammt aus Moskau und entstand Ende des 15. Jahrhunderts (Bild 2). Die Recklinghäuser Ikone folgt ihrem berühmten Vorbild und zeigt wie dieses das Christuskind auf dem rechten Arm der Mutter sitzend, die ihre Wange an den Kopf des Kindes schmiegt. Christus hat den linken Arm um ihren Hals geschlungen, die rechte Hand hält er ausgestreckt. Maria hat die linke Hand vor ihre Brust erhoben.

 

Im Depot des Museums befindet sich als weitere Vladimirskaja eine wunderschöne Stickarbeit (Bild 3), die wahrscheinlich als Podea (griech.) bzw. Pelena (russ.) diente, ein meist aufwendig besticktes Tuch, dass als Schmuck unterhalb einer zur Verehrung aufgestellten Ikone aufgehängt wurde. Das Bild wurde zu einem nicht genau bestimmbaren Zeitpunkt auf den Hintergrundstoff aus Seidenbrokat appliziert, der heutige Zustand entspricht also nicht mehr dem Original. Dennoch verbindet das Stück die Kostbarkeit der verwendeten Materialien mit schlichter Eleganz und Würde zu einem aufs Wesentliche reduzierten, harmonischen Gesamteindruck.

 

Aktuell ist im Musée du Louvre von Paris eine sehr sehenswerte Ausstellung gestickter liturgischer Stoffe aus Rumänien zu sehen (noch bis zum 29. Juli):

 

https://www.louvre.fr/expositions/broderies-de-tradition-byzantine-en-roumanie-du-xve-au-xviie-siecleautour-de-l-etendard-

 

An der begleitenden Tagung am 29.5. war auch das Ikonen-Museum Recklinghausen mit einem Vortrag beteiligt.

"Ikone des Monats" Mai 2019

Hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster, Russland, nach 1861

Hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster

Russland, nach 1861

Eitempera auf Holz, 51,5 x 43,0 cm

Erworben 2016 (Inv. Nr. 3968)

 

Im Zentrum der Ikone ist der Hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster in Konstantinopel gemalt, der im 4. Jahrhundert lebte und sich gegen die Häresie der Arianer engagierte. Insbesondere soll er dem arianischen Kaiser Valens beim Auszug aus Konstantinopel seinen Untergang und Tod in der Schlacht von Adrianopel gegen die Goten im Jahr 378 prophezeit haben. Dessen Nachfolger Theodosius I. stärkte die Orthodoxie und bat den aus Syrien stammenden Isaakios, in Konstantinopel zu bleiben, wo er 381 das Dalmatos-Kloster gründete (benannt nach einem Schüler des Isaakios, der ihm als Abt nachfolgte). Sein Gedenktag (30. Mai) war der Geburtstag des russischen Zaren Peter der Große, der ihn deshalb zum Patron der Romanov-Dynastie bestimmte und ihm zu Ehren in St. Petersburg die berühmte Isaakij-Kathedrale bauen ließ. Ein weiterer Gedenktag ist der 3. August.

 

In den oberen Ecken sind zwei „Nebenikonen“ eingefügt: links Christus mit dem Abendmahlskelch, rechts die „Muttergottes Unerwartete Freude“. Dieses Motiv stellt ein Wunder dar, das sich vor einer Muttergottes-Ikone in Černigov ereignet haben soll. Beschrieben wird es vom Hl. Dimitrij von Rostov in seinem Werk „Das benetzte Vlies“, sein Bericht ist in dem weißen Textfeld zu lesen. Demnach betete ein gesetzloser Mann täglich vor besagter Ikone und sah eines Tages mit Schrecken, dass sich Mutter und Kind bewegten und aus Händen und Füßen des Kindes Blut strömte. Die Gottesmutter redete dem Mann ins Gewissen, der daraufhin seine Sünden einsah und bereute. Der Dialog zwischen Gottesmutter und Beter ist durch zwei zwischen den Figuren platzierte Textlinien wiedergegeben. Ikonen dieses Typus entstanden erst im 19. Jahrhundert und erfreuten sich großer Beliebtheit. Das Fest dieser Ikone begeht die russisch-orthodoxe Kirche am 1. Mai.

 

Isaakios ist im zentralen Bildfeld als Halbfigur im Mönchsgewand zu sehen und weist mit seiner rechten Hand auf die Schriftrolle, die er mit der linken Hand hält. Dort steht geschrieben:

 

„Sorgt euch nicht, meine Brüder, sondern bedenkt, wenn denn das Werk meiner Mühen Gott wohlgefällig sein wird, so wird dieser heilige Ort nicht schwinden, sondern sich erweitern nach meinem Hinscheiden...“

(Übers.: Dr. Jean-Paul Deschler, Basel)

 

Besonders interessant ist die lange Inschrift in der Kartusche unten, in der die Abschaffung der Leibeigenschaft durch den Zaren Aleksander II. am 3. August 1861 gefeiert wird (sie ist nicht in Gänze zu entziffern):

 

„Im Jahr 1861, am dritten August, dem Tag des ehrwürdigen Isaakios vom Dalmatos-Kloster, des Wundertäters, erklärten uns Gott und unser Herrscher, Kaiser Aleksander II., die Freiheit. Mit Lichtern feiere also das ... Geschenk, die himmlische Gnade. Der ... Mund singt dir einen gebührenden Hymnus, Vorbote des mit dem Himmel ankommenden Königs. ...  im Tempel der Natur ... und es fliegt der dankbare Ruf unter der Himmelswölbung, inmitten der Rufe der ...  Natur. Gebet, Ruhm und Lob sei dem Herrn des Erdkreises an diesem prachtvollen Tag der gewonnenen Freiheit vom Joch der Leibeigenschaft ... die Gebete senden zum Himmel, das erste im Gedenken an den frommen Fürsten Aleksander (Nevskij), einst unbesiegbar ... der Wahrheit und der Frömmigkeit, das zweite zur Feier des Namenstags des gesegneten Gesalbten Autokrators, unseres allerfrömmsten selbstherrschenden großen Herrn und Kaisers Aleksander Nikolaevič von Ganz Russland. Es lebe unser Car’, ...  seine Kinder, ... Ehre und Ruhm.“ 

(Übersetzung: Dr. Jean-Paul Deschler, Basel)

 

Inschriften mit aktuellen historischen Bezügen sind auf Ikonen äußerst selten. Die Verkündung der Freilassung erfolgte nicht zufällig am 3. August, dem Gedenktag des Patrons der Dynastie, der aus diesem Grund auf der Ikone zu sehen ist. Der Text schlägt zudem den Bogen vom politischen und religiösen Helden Aleksandr Nevskij bis zu den „Großen Reformen“ des Zaren Aleksandr II. (1855–1881). Der enthusiastische Ton lässt darauf schließen, dass die Ikone unmittelbar nach der Aufhebung der Leibeigenschaft  entstanden ist. Doch blieb diese Reform von oben halbherzig. Die Leibeigenen wurden zwar rechtlich frei, Eigentümer des von ihnen bewirtschafteten Landes war aber weiterhin der Gutsherr. Zwar bekamen die Bauern ein Anrecht darauf, ihr Land zu erwerben, mussten sich dafür aber in der Regel hoch verschulden. An den sozialen Verhältnissen änderte sich somit wenig: Der Gutsherr blieb reich, der Bauer arm. Die meisten Betroffenen machten allerdings nicht den Zaren, sondern die adligen Grundherren verantwortlich, die den wahren Willen des Zaren nicht umsetzen würden. Dazu passt der Lobpreis des Herrschers auf der Ikone. Nur langsam sickerte die Erkenntnis durch, dass die Bauern vom Zarenhaus nicht mehr zu erwarten hatten. Alles in allem löste diese Form der Freiheit allgemeine Enttäuschung aus.

 

In der Inschrift wird ausdrücklich gesagt, dass „Gott und unser Herrscher“ „uns“ die Freiheit erklärt haben. Die Ikone stellt somit eine Äußerung der eher selten zu Wort kommenden Bauern dar, die von der Reform profitieren sollten. Hat vielleicht eine Dorfgemeinschaft zusammengelegt, um die sehnsüchtig erwartete Freiheit mit der Stiftung einer wertvollen Ikone zu feiern? In jedem Fall handelt es sich bei der sehr qualitätsvollen Ikone auch um ein wichtiges Zeugnis für die sozialen Verhältnisse im Russischen Reich.

Vorverkündigung am Brunnen, Russland, Anfang 20. Jhd.
Verkündigung, Kreta, 2. Hälfte 15. Jhd.
Verkündigung, Novgorod, 15. Jhd.

"Ikone(n) des Monats" März 2019: Verkündigung an Maria

 

Das Fest der Verkündigung (griech. euangelismos, russ. blagoveščenie) an Maria, das am 25. März – also genau neun Monate vor der Geburt Christi – gefeiert wird, gehörte schon früh zu den Hauptfesten der Kirche. Denn der Augenblick, in dem Maria dem Ratschluss Gottes zustimmte, aktiv an der Erlösung der Menschheit teilzunehmen, gilt als Augenblick der Inkarnation, der Menschwerdung Christi. So ist auf einer der frühesten russischen Verkündigungs-Ikonen aus Ustjug (13. Jhd., heute Tretjakov-Galerie, Moskau) das Jesuskind auf der Brust der Gottesmutter bereits zu sehen. Darstellungen der Verkündigung erschienen ab dem 5. Jahrhundert in größerer Zahl, nachdem Maria auf dem Konzil von Ephesos ausdrücklich als Theotokos (Gottesgebärerin) anerkannt worden war - z. B. zeigt ein Mosaik auf dem Triumphbogen von Santa Maria Maggiore in Rom die Verkündigung an die thronende Gottesmutter durch einen herabschwebenden Engel. Noch etwas früher wird die plastische Wiedergabe auf dem sog. Pignata-Sarkophag in Ravenna datiert.

 

Die Verkündigung wird nicht nur im kanonischen Lukas-Evangelium erzählt, sondern auch im sogenannten Protevangelium des Jakobus, einer apokryphen Schrift aus dem 2. Jahrhundert, die aber für die Glaubensvorstellungen, die Liturgie und die christliche Ikonographie sehr wichtig war. Als Maria eines Tages, während sie mit dem Spinnen von Purpur beschäftigt war, an einem Brunnen Wasser holen wollte, geschah nach diesem Text folgendes:

 

Und siehe, eine Stimme sprach: „Sei gegrüßt, du Begnadete! Der Herr sei mit dir, du Gepriesene unter den Frauen!“ Und sie blickte sich um nach rechts und nach links, woher diese Stimme wohl käme. Und es kam sie ein Zittern an. Da ging sie heim in ihr Haus und stellte den Krug ab. Dann nahm sie den Purpur und setzte sich auf ihren Sessel und zog ihn zu Fäden, und siehe, ein Engel des Herrn trat vor sie hin und sprach: „Fürchte dich nicht, Maria! Denn du hast Gnade gefunden vor dem Gebieter über alles, und du sollst empfangen aus seinem Wort.“ Als sie das aber hörte, bekam sie bei sich Zweifel und sagte: „Soll ich empfangen vom lebendigen Gott her und gleichwohl gebären, wie jede Frau gebiert?“ und es sprach der Engel des Herrn: „Nicht so, Maria! Denn die Kraft des Herrn wird dich überschatten. Deswegen wird auch das, was von dir geboren wird, heilig, nämlich Sohn des Höchsten genannt werden. Und du sollst seinen Namen Jesus nennen; denn er wird sein Volk erretten von seinen Sünden.“ Und Maria sprach: „Siehe, des Herrn Magd will ich gern sein vor ihm; mir geschehe, wie du gesagt hast!“

 

Den Gruß des Erzengels Gabriels am Brunnen bezeichnet man als Vorverkündigung - Maria erschrickt, eilt zurück ins Haus (an dessen Stelle die Verkündigungs-Basilika errichtet wurde) und fährt fort, den Purpur zu spinnen (Purpur als Herrschafts-Farbe verweist bereits auf den kommenden König), worauf die eigentliche Verkündigung folgt. Darstellungen der Vorverkündigung sind relativ selten - zu den bekannteren Zeugnissen gehören Mosaiken in San Marco in Venedig und im Chora-Kloster in Istanbul.

 

Im Ikonen-Museum Recklinghausen gibt es beide Motive: Eine wunderschön gemalte Ikone vom Beginn des 20. Jahrhunderts (die allerdings wesentliche Grundzüge von Ikonen aus der Zeit etwa zwischen 1780 und 1840 übernimmt) aus Russland (wohl Mstera oder Palech) zeigt die Vorverkündigung am Brunnen. Die äußerst feine und detailreiche Malerei, die graziöse Haltung der Jungfrau Maria und die delikate und etwas kühle Farbgebung ergeben ein Bild von höchster poetischer Stimmung, wie es nur selten in der späten Ikonenmalerei zu finden ist.

 

Das Grundschema der Verkündigung im Haus ist auf einer schönen kretischen Ikone aus der 2. Hälfte des 15. Jahrhunderts gut zu erkennen, die vielleicht von dem berühmten Maler Andreas Ritzos (1421–1492) oder seinem Sohn Nikolaos (gest. vor 1507) gemalt wurde. Vor einer Architekturkulisse steht die Gottesmutter vor einem Sessel mit Sitzkissen. In der linken Hand erkennt man noch den Purpurfaden. Sie wendet sich dem dynamisch heranschreitenden Gabriel zu, der sie mit ausgestreckter Hand im Redegestus begrüßt, während er in der anderen Hand einen Botenstab hält. Die rechte Hand Marias ist in ihr Gewand eingewickelt – diese seltsame Haltung geht letzlich auf die Darstellung von Rhetoren in der antiken Kunst zurück, wo sie ein Zeichen wohlüberlegter Rede war (ein gutes Beispiel ist die Statue des Aischines aus der Villa dei Papiri in Herculaneum, heute im Archäologischen Nationalmuseum von Neapel). Durch das feste Umwickeln der Hand sollte verhindert werden, das begabte Redner – etwa bei Auftritten vor Gericht – sich zu emotionalen "großen Gesten" hinreißen ließen – allein durch wohlgesetzte Worte sollte ihr Auftritt überzeugen. Seit der sog. palaiologischen Renaissance (13./14. Jahrhundert), die in der kretischen Malerei fortlebte, ist sie bei Darstellungen von Aposteln und anderen Wortverkündern häufig anzutreffen. Hier drückt es die überlegte, demütig-zurückhaltende und doch beeindruckende Reaktion der Maria auf die Verkündigung des Engels aus.

 

Das ikonographische Grundschema des Motivs wurde nur in Details variiert. Zwischen den oberen Architekturelementen hängt oft ein Stoffstreifen, womit angedeutet wird, dass sich das Geschehen in einem Innenraum abspielt; häufig sitzt die Gottesmutter auf dem Sessel, manchmal hat sie den Körper leicht vom Erzengel weggedreht, dem sie aber auch dann immer den Kopf zuwendet (Ikone aus Novgorod, 15. Jahrhundert).

Die Verklärung Christi, Griechenland (Kreta), Mitte 16. Jh.

"Ikone des Monats" August 2017: Die Verklärung Christi

 

Zu den ältesten und bedeutendsten Festen, die im christlichen Osten gefeiert werden (6. August), gehört die Verklärung Christi. In ihr scheint wie bei der Taufe die Göttlichkeit Christi auf, und sie weist auf die Auferstehung und Wiederkehr des Herrn in Herrlichkeit am Ende der Zeiten hin.

Auf der Ikone erscheint der verklärte Christus in einer Lichtaureole zwischen dem Propheten Elija und Moses, der die Gesetzestafeln in seinen Händen hält. Die drei Apostel Petrus, Jakobus und Johannes, die Zeugen des Geschehens wurden, stürzen geblendet und erschreckt zu Boden. Zusätzlich sind in der Mitte links der Aufstieg und rechts der Abstieg zum Berg Tabor dargestellt.

Die heilige Julitta und ihr Sohn Kyrikos mit zwanzig Szenen aus ihrem Leben, Russland (Malerdörfer bei Vladimir), 1. Hälfte 19. Jh.

"Ikone des Monats" Juli 2017: Die heilige Julitta und ihr Sohn Kyrikos

 

Die heilige Märtyrerin Julitta lebte am Ende des 3. Jahrhunderts in Ikonium (heute die tür­kische Provinz Konya im Herzen Anatoliens). Während der Christenverfolgung unter Kaiser Diokletian floh sie mit ihrem kleinen Sohn Kyrikos zunächst nach Seleukia-Ktesiphon am Tigris und später nach Tarsos in Kilikien. Dort wurden die beiden gefangen genommen und vor den Richter geführt, der die Mutter durch Schläge foltern ließ. Daraufhin wehrte sich der kleine Kyrikos und wurde vor den Augen der Mutter auf dem Boden zerschmettert. Dennoch blieb Julitta standhaft und wurde schließlich enthauptet.

Die Ausgießung des Heiligen Geistes (Pfingsten), Griechenland, Mitte 18. Jahrhundert

"Ikone des Monats" Juni 2017: Die Ausgießung desHeiligen Geistes (Pfingsten)

 

Pfingsten wird 50 Tage nach Ostern zum Gedenken an die Herabkunft des Heiligen Geistes auf die zwölf Apostel gefeiert. Dadurch wurden sie befähigt, in allen Sprachen das Evangelium zu verkünden.

Die bärtige und gekrönte Gestalt in der schwarzen Höhle am unteren Bildrand ist als „Kosmos“ bezeichnet und steht für die Welt, der die Apostel das Evangelium bringen. Dieses wird durch die zwölf Schriftrollen im Schoß des „Kosmos“ symbolisiert.

Obwohl die Anwesenheit der Muttergottes in der Apostelgeschichte nicht ausdrücklich erwähnt wird, wurde sie schon auf den frühesten Pfingst­darstellungen inmitten der Apostel wiedergegeben. Ihr herausgehobener Platz in der Mitte macht deutlich, dass sie als Verkörperung der Ecclesia, der an Pfingsten gegründeten Kirche, zu verstehen ist.

Hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster, Russland, nach 1861

"Ikone des Monats" Mai 2017: Hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster

 

Am 30. Mai ist der Gedenktag des selten dargestellten hl. Isaakios vom Dalmatos-Kloster in Konstantinopel, der im 4. Jahrhundert lebte. Der

30. Mai war auch der Geburtstag des russischen Zaren Peter des Großen, der Isaakios deshalb zum Patron der Romanov-Dynastie bestimmte.  Ihm zu Ehren ließ Zar Peter in der 1703 gegründeten neuen Hauptstadt Sankt Petersburg die berühmte Isaakij-Kathedrale bauen.

In den oberen Ecken sind zwei „Nebenikonen“ eingefügt: links Christus mit dem Abendmahlskelch, rechts die „Muttergottes Unerwartete Freude“. 

Besonders interessant ist die lange Inschrift unten, in der die Abschaf­fung der Leibeigenschaft am 3. August 1861 durch den Zaren Aleksandr II. gepriesen wird. Inschriften mit politischem Inhalt sind auf Ikonen äußerst rar.

Die neun Märtyrer von Kyzikos, Russland (Palech), um 1800

"Ikone des Monats" April 2017: Die neun Märtyrer von Kyzikos

 

Die neun Märtyrer erlitten ihr Martyrium unter Kaiser Diokletian in den Jahren zwischen 284 und 292 in Kyzikos auf einer Halbinsel am Südufer des Marmarameeres, wo die erste christliche Gemeinde bereits unter Paulus entstand. Während der Christenverfolgungen flohen viele Christen, andere verheimlichten ihren Glauben, so dass Kyzikos gegen Ende des 3. Jahrhunderts überwiegend heidnisch war. Neun Christen unterschiedlichen Alters und Berufes jedoch standen offen zu ihrem Glauben und versuchten, andere Bürger der Stadt zu bekehren. Sie wurden gefangen genommen, und als sie sich auch unter der Folter weigerten, ihren Glauben zu widerrufen, wurden sie enthauptet.

Ihr Gedenktag ist der 29. April.

Hl. Prophyrios von Gaza, Russland, Anfang 20. Jh.

"Ikone des Monats" Februar 2017: Hl. Prophyrios von Gaza

 

Auf der Ikone ist der hl. Bischof Porphyrios von Gaza dargestellt, dessen Gedenktag der 26. Februar ist. An diesem Datum starb er im Jahre 421. Porphyrios lebte zuerst als Einsiedler in Ägypten und am Jordan und wurde 396 gegen seinen Willen zum Bischof von Gaza geweiht. Er ließ dort alle noch existierenden heidnischen Tempel und Götterbilder zerstören.

Auf der in akademischem Stil gemalten Ikone kniet Porphyrios vor einem geöffneten Flügelaltar mit vier Geburtsdarstellungen: von Johannes dem Täufer, der Muttergottes, Christi und des hl. Nikolaus.

"Ikone des Monats" Januar 2017: Die Taufe Christi

 

Alle vier Evangelien berichten von der Taufe Christi im Jordan durch Johannes, bei der der Heilige Geist in Gestalt einer Taube erschien und eine Stimme vom Himmel herab die Worte sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“.

In diesen Worten sah die Kirche die erste Offenbarung des göttlichen Wesens Christi. Deshalb nennt man das Fest der Taufe am 6. Januar Theophanie, die Erscheinung Gottes.

In der Mitte der Ikone steht in dem von hohen Felsen begrenzten Jordan Christus, der nur mit einem Lendentuch bekleidet ist. Vom linken Uferrand beugt sich Johannes herab, um ihn mit der Geste des Handauflegens zu taufen. Am anderen Ufer neigen sich vier Engel mit ehrfürchtig verhüllten Händen vor dem Sohn Gottes, über dessen Haupt in einem kleinen Medaillon die Taube als Symbol des Heiligen Geistes schwebt.

In den Fluten zu Füßen Christi ist die allegorische Gestalt des Jordan in Gestalt eines antiken Flussgottes mit einem Krug in der Hand wiedergegeben. Christus segnet ihn mit der ausgestreckten Rechten.

Hl. Nikolaus mit 14 Szenen aus seinem Leben, Nordrussland, Ende 15. Jh.

"Ikone des Monats" Dezember 2016: Hl. Nikolaus mit 14 Szenen aus seinem Leben

Der hl. Nikolaus wurde um 270 in Patras in Lykien (Kleinasien) geboren und starb um das Jahr 342. Er war Bischof von Myra und wird wegen der zahlreichen Wunder, die ihm zugeschrieben werden, als „heiliger Wundertäter“ in der gesamten Christenheit hoch verehrt. Seine Reliquie wurde 1087 in Myra geraubt und nach Bari in Apulien überführt.

Auf dieser Ikone ist Nikolaus nach dem Vorbild des Nikolaus von Zarajsk genannten Gnadenbildes mit ausgebreiteten Armen dargestellt. Er segnet mit der rechten Hand und hält in der linken das Evangelienbuch. Er ist von vierzehn Bildfeldern mit Szenen aus seinem Leben und seiner Wunder umgeben.

Der Gedenktag des hl. Nikolaus ist der 6. Dezember.

Vogel, Ägypten, 6. – 7. Jh.

"Ikone des Monats" November 2016: Vogel

 

Der Vogel – wohl ein Adler – stammt möglicherweise aus demselben Wandbehang oder Vorhang in Noppentechnik wie ein Reiter, der sich ebenfalls in der Koptischen Abteilung des Ikonen-Museums befindet. Solche großen Behänge waren in Register unterteilt, wobei die Vögel in den oberen Registern unter Arkaden erscheinen.

Im Schnabel hält der Vogel ein Efeublatt oder eine Traube, um den Hals trägt er eine Bulla mit rotem Kreuz an einer Kette. Dem Adler wird vor allem eine schützende Funktion zugeschrieben.

Hl. Demetrios, Nordrussland, 2. Hälfte 16. Jh.

"Ikone des Monats" Oktober 2016: Hl. Demetrios

Der hl. Demetrios erlitt sein Martyrium im Jahre 306 unter Kaiser Maxi­mi­nianus in Sirmium. Das Zentrum seiner Verehrung ist die nordgriechi­sche Stadt Thessaloniki, wo ihm zu Ehren bereits im 5. Jahrhundert eine große Basilika erbaut wurde.

Im Jahre 1207 soll Demetrios Thessaloniki vor einem Angriff des bulga­rischen Zaren Kalojan gerettet haben. Des­halb wird er oft als Reiter dargestellt, der mit seiner Lanze einen gekrönten Mann tötet. Relativ selten wird auch Zar Kalojan auf einem Pferd reitend wiedergegeben wie auf dieser Ikone.

Die großformatige Ikone war wahr­scheinlich die Patrionatsikone einer dem hl. Demetrios geweihten Kirche und befand sich in der örtlichen Reihe der Ikonostase.

Der Gedenktag für den hl. Demetrios ist der 26. Oktober.

Symeon Stylites, Russland, 17. Jh.

"Ikone des Monats" September 2016: Symeon Stylites

 

Das orthodoxe Kirchenjahr beginnt am 1. September mit dem Gedenktag des hl. Styliten (Säulenheiligen) Symeon des Älteren (389–459). Er wird als der erste Säulenheilige verehrt, da er mehrere Jahrzehnte in strenger Askese und schutzlos Wind und Wetter ausgesetzt auf einer Säule lebte, um Gott nahe zu sein. Diese Säule soll ca. 18 Meter hoch gewesen sein und verfügte über eine ca. 2 Quadratmeter große Plattform, die Symeon bis zu seinem Tode niemals verließ. Von dort aus predigte er den Scharen von Pilgern, die aus der ganzen christlichen Welt zu ihm strömten. Sogar Kaiser Theodosios II. kam zu Symeon und ließ sich von ihm beraten.

Nach seinem Tod ließ Kaiser Zeno in den Jahren 476–490 ein großes Pilgerzentrum mit vier kreuzförmig um die Säule Symeons gruppierten Basiliken bauen. Es wurde Qal’at Sem’an (Festung Symeons) genannt und befindet sich im Nördlichen Kalksteinmassiv in Syrien.

Das Entschlafen der Muttergottes, Russland, Anfang 14. Jh

"Ikone des Monats" August 2016: Das Entschlafen der Muttergottes

 

Das Fest des Entschlafens der Muttergottes am 15. August ist das bedeutendste Marienfest. Da die orthodoxe Kirche der Vorstellung von der leiblichen Himmelfahrt Mariä distanziert gegenübersteht, liegt das Schwergewicht auf der Darstellung von der Aufnahme der Seele der Muttergottes in den Himmel.

Die tote Maria liegt auf einem Bett ausgestreckt, das die trauernden Apostel in zwei Gruppen umstehen. Im Zentrum erscheint Christus in einer Lichtgloriole und nimmt die in Form eines Wickelkindes dargestellte Seele seiner Mutter in Empfang, um sie dann den Engeln zu übergeben, die sie in den Himmel tragen.

Vor dem roten Vorhang, der vom Lager der Muttergottes herabfällt, ist eine Szene gemalt, die ebenfalls einer Legende entnommen ist. Ein Jude namens Jephonias eilte heran, um die Bahre umzuwerfen und die Trauerfeierlichkeiten zu stören. In diesem Moment erschien ein Engel und schlug ihm mit einem Schwert beide Hände ab. Erst als Jephonias auf den Rat von Petrus hin ein Gebet an die Muttergottes richtete, fügten sich seine Hände auf wundersame Weise wieder den Armen an.

Die Feurige Himmelfahrt des Propheten Elija, Russland (Novgorod), Anfang 17. Jh

"Ikone des Monats" Juli 2016: Die Feurige Himmelfahrt des Propheten Elija

 

In einem von zwei geflügelten Pferden gezogenen Wagen wird der Prophet Elija in einer großen Feuerwolke gen Himmel entrückt. Gleichzeitig wendet er sich seinem Jünger Elischa zu und übergibt ihm als Zeichen der Nachfolge seinen Mantel. Rechts unten ist eine Szene dargestellt, die zeitlich weit vor der Himmelfahrt liegt. Ein Engel weckt Elija mit den Worten: „Steh auf und iss! Denn du hast einen weiten Weg vor dir!“

Von allen Propheten wurde Elija am meisten verehrt. Besonders populär wurde er dadurch, dass er im ostkirchlichen Bereich für das Wetter zuständig ist und als Schutzpatron gegen Feuer und Blitzschlag gilt

"Ikone des Monats" Juni 2016: Muttergottes von Vladimir

Muttergottes von Vladimir, Russland (Moskau), Ende 15. Jh

 

Die Ikone ist eine Kopie des Gnadenbildes der Muttergottes von Vladimir, der berühmtesten wundertätigen Marienikone Russlands. Ihr Ehrentitel „Mutter der russischen Erde“ weist auf ihren engen Zusammenhang mit der russischen Geschichte hin, die sie über Jahrhunderte begleitete und beeinflusst haben soll. Um 1131 gelangte die byzantinische Ikone als Geschenk des Patriarchen von Konstantinopel nach Kiev, von wo aus sie Fürst Andrej von Bogoljubovo 1155 nach Vladimir überführte. 1395 und 1480 soll sie Moskau vor den Tataren errettet haben.

Von 1480 bis 1917 befand sich die Ikone in der Ikonostase der Mariä-Entschlafen-Kathedrale im Moskauer Kreml, und seit 1918 ist sie in der Tret’jakov-Galerie in Moskau ausgestellt.

Die Recklinghäuser Ikone folgt dem berühmten Vorbild und zeigt wie dieses das Christuskind auf dem rechten Arm der Mutter sitzend, die ihre Wange an den Kopf des Kindes schmiegt. Christus hat den linken Arm um ihren Hals geschlungen, die rechte Hand hält er ausgestreckt. Maria hat die linke Hand vor ihre Brust erhoben.

Die heiligen Konstantin, Helena und Agathe, Russland (Rostov), 16. Jh.

"Ikone des Monats" Mai 2016: Die heiligen Konstantin, Helena und Agathe

 

Kaiser Konstantin, der von 306–337 regierte, wird in der Ostkirche wegen seiner Tolerierung des Christentums als apostelgleicher Kaiser verehrt. Er wird gewöhnlich zusammen mit seiner Mutter Helena († 330) zu Seiten eines großen Kreuzes dargestellt, das sie gemeinsam halten. Grundlage für diese paarweise Darstellung ist die Einführung eines Festtages am 21. Mai, an dem der Auffindung des wahren Kreuzes Christi durch Helena bei einer Wallfahrt ins Heilige Land gedacht wird.

Ungewöhnlich ist die Kombination der beiden Heiligen mit der hl. Agathe, die mit ihnen in keinem inhaltlichen Zusammenhang steht. Die aus Catania in Sizilien stammende Heilige erlitt ihr Martyrium während der Christenverfolgungen unter Kaiser Decius (249 –251) und wird am 5. Februar verehrt. Ihre Darstellung könnte damit zu erklären sein, dass die Ikone für eine Kirche bestimmt war, die Reliquien dieser Heiligen besaß oder dass sie auf Wunsch einer gleichnamigen Stifterin dieser Ikone hinzugefügt wurde. 

Die Größe der Ikone spricht dafür, dass sie ursprünglich als Patronatsikone in der Örtlichen Reihe einer Kirchenikonostase angebracht war.

Der Evangelist Markus, Griechenland, um 1700

"Ikone des Monats" April 2016: Der Evangelist Markus

 

Auf der Ikone ist der Evangelist Markus in halber Figur und nach rechts gewandt dargestellt. Er ist wie in der byzantinischen Kunst üblich als Mann mittleren Alters mit dunklem Haar und Vollbart in antiker Tracht gemalt. Mit beiden Händen präsentiert er eine aufgeschlagene Bibel mit dem Anfang seines Evangeliums in griechischer Sprache „Anfang des Evangeliums von Jesus Christus. Wie es von dem (Propheten Jesaja) geschrieben wurde.“ Reste der Namensbeischrift finden sich in roten Buchstaben auf dem Goldgrund der Ikone.

Markus begleitete den Apostel Paulus und den hl. Barnabas auf ihren Missionsreisen nach Antiochien und Zypern. Petrus, den er in Rom traf, soll ihn nach Ägypten geschickt haben, wo er als erster Bischof in Alexandria um 67 den Märtyrertod erlitt. 829 brachten Venezianer seine Reliquien nach Venedig, wo ihm zu Ehren der prächtige Markusdom errichtet wurde. Sein Gedenktag ist der 25. April.

Die Ikone gehört zu einer Apostelreihe, von der noch elf Ikonen erhalten sind. Sie waren im Templon (der Bilderwand) einer griechisch-orthodoxen Kirche angebracht und flankierten ursprünglich eine Deesisgruppe, also Christus mit der Muttergottes und Johannes dem Täufer.

Christi Auferstehung (Höllenfahrt), Russland, Anfang 16. Jh

"Ikone des Monats" März 2016: Christi Auferstehung (Höllenfahrt)

Zum Osterbild der Ostkirche wurde schon früh die Höllenfahrt Christi, das heißt die Darstellung Christi in der Vorhölle bei der Befreiung von Adam und Eva und weiterer Gerechten des Alten Testaments. In einem Lichtschein, der auf dieser Ikone durch eine blaue Mandorla wiedergegeben ist, erscheint Christus in einem leuchtend weißen Gewand. Er steht auf den zerborstenen und über Kreuz gelegten Flügeln der Höllenpforte, deren Schlösser und Schlüssel in das Dunkel der Unterwelt hinabfallen. Christus ergreift Adam am Handgelenk und zieht ihn aus dem Grab, während Eva in rotem Gewand hinter ihm kniet und die ehrfürchtig verhüllten Hände betend erhebt. Die beiden gekrönten Gestalten hinter Adam sind David und Salomon, die von Johannes dem Täufer, dem letzten der Propheten, angeführt werden. Hinter Eva steht Moses mit den Gesetzestafeln in der Hand im Gespräch mit zwei weiteren Vorvätern. Über der Mandorla Christi halten zwei Engel das Kreuz und den Kelch und weisen so darauf hin, dass der Opfertod Christi die Voraussetzung für die Erlösung der Menschheit war.

Darstellung Christi im Tempel (Triptychon), Griechenland, um 1700

"Ikone des Monats" Februar 2016: Darstellung Christi im Tempel (Triptychon)

Im Mittelfeld des Triptychons ist die Darstellung Christi im Tempel gemalt. Nach dem Bericht des Lukas-Evangeliums (2,22–39) brachten Maria und Joseph das Jesuskind vierzig Tage nach seiner Geburt in den Tempel, um gemäß der jüdischen Vorschriften zwei Tauben für die Reinigung der Mutter zu opfern und den Erstgeborenen Gott darzustellen. Im Tempel begegneten sie dem greisen Hohepriester Symeon und der Prophetin Hanna, die Christus als den Messias erkannten. Die Bewegungsrichtung auf dieser Darstellung verläuft entgegen der üblichen Form nach links, wo Symeon das Kind aus den Händen Mariens empfängt. Das Fest wird am 2. Februar gefeiert.

Über der zentralen Darstellung ist in einem plastisch gefassten Medaillon Gottvater gemalt, links von ihm Johannes der Täufer und rechts Johannes der Evangelist.

Auf dem linken Seitenflügel ist der Apostel Petrus und darunter der Drachenkampf des hl. Georg wiedergegeben, auf dem rechten Flügel der Apostel Paulus und der hl. Demetrios von Thessaloniki, der mit seiner Lanze den bulgarischen Zaren Kalojan durchbohrt und durch sein Eingreifen die Stadt Thessaloniki 1207 vor der Eroberung durch die bulgarischen Angreifer rettete.

Girgis Al Musawwir (?): Die Taufe Christi, Syrien (Aleppo), 2. Hälfte 18. Jahrhundert

"Ikone des Monats" Januar 2016: Die Taufe Christi

Alle vier Evangelien berichten von der Taufe Christi im Jordan durch Johannes, bei der der Heilige Geist in Gestalt einer Taube erschien und eine Stimme vom Himmel herab die Worte sprach: „Dies ist mein lieber Sohn, an dem ich Wohlgefallen habe“. In diesen Worten sah die Kirche die erste Offenbarung des göttlichen Wesens Christi. Deshalb nennt man das Fest der Taufe am 6. Januar Theophanie, die Erscheinung Gottes.
In der Mitte der Ikone steht Christus in dem von hoch aufragenden Felsen begrenzten Jordanfluss. Er ist nur mit einem Lendentuch bekleidet. Vom linken Uferrand beugt sich Johannes herab, um ihn mit der Geste des Handauflegens zu taufen. Am anderen Ufer neigen sich vier Engel mit ehrfürchtig verhüllten Händen vor dem Sohn Gottes, über dessen Haupt die Taube als Symbol des Heiligen Geistes schwebt.
In den Fluten zu Füßen Christi sind Fische, die auf einem Seeungeheuer reitende Personifikation des Meeres sowie die des Jordan in Gestalt eines antiken Flussgottes mit einem Krug in der Hand wiedergegeben. Er flieht nicht mehr, wie es ältere Darstellungen nach Psalm 114 zeigen, sondern Christus segnet ihn mit der ausgestreckten Rechten.
Es handelt sich um eine melkitische (orientalische) Ikone aus dem 18. Jahrhundert, wofür die feinen Rankenornamente auf dem Hintergrund und der abwechselnd auf schwarzem und weißem Grund mit Ranken geschmückte Rand charakteristisch sind. Ebenso typisch für ihre Herkunft aus dem Nahen Osten ist der griechisch geschriebene Titel "Die Taufe Christi" und eine arabische Stifterinschrift aus dem Jahr 1900 auf der Rückseite, die den Ort Zahlé im Libanon erwähnt. Die Ikone kann aus stilistischen Gründen dem Maler Girgis Al Musawwir aus Aleppo zugeschrieben werden.

Die Geburt Christi, Griechenland (Kreta), 16. Jahrhundert
Die Geburt Christi, Griechenland (Kreta), 16. Jahrhundert (Detail)

"Ikone des Monats" Dezember 2015: Die Geburt Christi

Die Ikone der Geburt Christi vereinigt mehrere Ereignisse, die mit dem Weihnachtsgeschehen zusammenhängen, auf einer schmalen hochrechteckigen Tafel. Sie war sicherlich für die Festtagsreihe einer Ikonostase gemalt worden. Die Komposition folgt einer in der griechischen Ikonenmalerei weit verbreiteten Ikonographie.
Die Bildfläche ist durch ein steil aufragendes, zerklüftetes Felsmassiv gegliedert, das mit einzelnen Sträuchern bewachsen ist. Die Felsen erweitern sich im Zentrum des Bildes zu einer Höhle, in der man die korbartige Krippe mit dem gewickelten Neugeborenen sieht. Über den Rand der Krippe beugen sich Ochse und Esel gemäß der Weissagung des Propheten Jesaja (1, 3). Vor der Höhle liegt auf einem leuchtend roten Kissen die Muttergottes, gekleidet in ein Maphorion, das entgegen der ostkirchlichen Tradition von blauer Farbe ist. Sie stützt den Kopf auf ihren rechten Arm und sieht zwei Dienerinnen bei der Vorbereitung des Bades für das Kind zu. Die am linken Bildrand stehende junge Frau gießt Wasser aus einem Krug in das runde Wasserbecken. Die rechts vom Wasserbecken sitzende Hebamme hält das Kind auf ihrem Schoß und prüft mit der Hand die Wassertemperatur. Mit dem Rücken zu dem Geschehen gewandt sitzt Josef auf einem Felsen und stützt nachdenklich seinen Kopf in die Hand. Er unterhält sich mit einem alten Hirten in einem blauen Fellumhang, der manchmal als Versucher gedeutet wird, welcher Josefs Zweifel an der jungfräulichen Geburt zu verstärken sucht. Oben rechts verkündet ein Engel die Geburt Christi einem anderen, als Rückenfigur wiedergegebenen Hirten, während links die drei Magier auf ihren Pferden heran reiten. Entsprechend der abendländischen Tradition sind die Sterndeuter als Könige dargestellt. Sie werden geleitet vom Stern von Bethlehem, der von dem flachen Himmelssegment am oberen Bildrand ausgeht und dessen Lichtstrahl durch den in der Mitte geborstenen Felsen in die Geburtshöhle dringt. Dem Stern wenden sich auch die lobpreisenden Engel oben links zu.

Synaxis der Erzengel, Griechenland, um 1700

"Ikone des Monats" November 2015: Synaxis der Erzengel

Die orthodoxe Kirche feiert am 8. November das Fest der „Versammlung (Synaxis) der Erzengel“. Sie haben sich versammelt, um die Gebete der Gläubigen an Gott weiterzuleiten.

Deshalb tragen sie gemeinsam ein Medaillon mit der Büste des segnenden Christus Pantokrator, der in der linken Hand ein geschlossenes Evangelienbuch hält.

Die vollkommen symmetrisch aufgebaute Darstellung der kleinen Ikone zeigt eine große Schar von Engeln, die in mehreren Reihen hintereinander stehen und von denen teilweise nur die vergoldeten und punzierten Nimben zu sehen sind. Die beiden Engel im Vordergrund sind die Erzengel Michael und Gabriel. Sie halten lange Botenstäbe in den Händen. Die Engel sind in prächtige byzantinische Kaisergewänder gekleidet, über denen sie goldene und mit Edelsteinen besetzte Bänder, die so genannten Loroi, tragen.

Die Gesichter sind mit großer Sorgfalt ausgeführt, das Kolorit mit seinen warmen Tönen von Rot und Rosa bildet einen reizvollen Kontrast zu dem dunklen Grün und dem Gold, das ursprünglich auch die Ränder der Ikone bedeckte.

Die Ikone ist am oberen Bildrand mit roter griechischer Schrift als Synaxis ton Asomaton (Versammlung der Körperlosen) bezeichnet.

"Ikone des Monats" Oktober 2015: Maria Schutz und Fürbitte (Kirchenfahne)

Bei der Ikone handelt es sich um eine später in einen Holzrahmen eingefügte Kirchenfahne, die auf beiden Seiten bemalt ist. Auf der einen Seite sind die Heiligen Elija, Nikolaus, Ambrosius von Mailand und Paraskeva-Pjatnica dargestellt, auf der anderen ein „Maria Schutz und Fürbitte“ (russ.: Pokrov) genanntes Kirchenfest, das in Russland am 1. Oktober gefeiert wird. Sein Thema ist die Vision des hl. Andreas († 936), eines „Narren in Christo“, die diesem in Begleitung seines Schülers Epiphanias beim Sonntagsgottesdienst am 1. Oktober 911 in der Blachernenkirche in Konstantinopel zuteil wurde (unten rechts). Er sah plötzlich die Muttergottes aus der Tür der Ikonostase hervortreten und ihren Schleier, der als Reliquie in dieser Kirche aufbewahrt wurde, schützend über die Gemeinde breiten (Mitte oben). Auf dieser Ikone wird sie von dem Erzengel Michael und Johannes dem Täufer begleitet.
Mit der Darstellung dieses Schleierwunders wird gewöhnlich die des hl. Romanos verknüpft, dessen Gedenktag ebenfalls auf den 1. Oktober fällt. Romanos war der Verfasser berühmter Hymnen und lebte im 6. Jahrhundert in Konstantinopel. Er soll während seiner Zeit als Diakon an der Blachernenkirche gezwungen worden sein, trotz seiner sehr mäßigen stimmlichen Begabung ausgerechnet am Weihnachtstag in Anwesenheit des kaiserlichen Hofes und des Patriarchen seinen Hymnus vorzutragen. In seiner Not wandte er sich an die Muttergottes. Am nächsten Tag begeisterte er alle Zuhörer durch seinen unvergleichlich schönen Gesang. In der unteren Hälfte der Ikone sehen wir ihn in der Mitte in einem roten Gewand auf dem Ambo stehen. Er wendet sich an den Patriarchen und den Kaiser Leo sowie die Kaiserin, die seinem Vortrag lauschen.
Die Inschrift auf dem ockerfarbenen Hintergrund gibt den Titel der Ikone wieder: „Pokrov der allheiligen Gottesgebärerin“.

Die Kreuzerhöhung, Russland (Novgorod), Ende 15. Jahrhundert

"Ikone des Monats" September 2015: Die Kreuzerhöhung

Am 14. September wird sowohl bei den orthodoxen als auch bei den katholischen Christen das Fest der Kreuzerhöhung gefeiert. Es erinnert daran, dass an diesem Tag im Jahr 320 die Kaiserin Helena, die Mutter Konstantins des Großen, bei einer Wallfahrt zu den Heiligen Stätten auf dem Berg Golgatha das wahre Kreuz Christi gefunden haben soll.

Nachdem Kaiser Konstantin in Jerusalem über dem leeren Grab Christi, dem Ort seiner Auferstehung, die Heilig-Grab-Kirche hatte errichten lassen, wurde sie am 13. September 335 geweiht. Einen Tag später präsentierte der Bischof von Jerusalem die dort aufbewahrte Kreuzrelique dem Volk. Diese „Erhöhung des Heiligen Kreuzes“ wird auf der Ikone in einer feierlichen, streng symmetrischen Komposition dargestellt: Im Hintergrund soll eine große Rundkirche mit typisch russischer Zwiebelkuppel die konstantinische Anastasis-Rotunde darstellen. Davor steht im Zentrum der Ikone Bischof Makarios von Jerusalem auf einem riesengroßen, zweistufigem Ambo mit halbrunder Rückwand. Assistiert von zwei Diakonen hält er die Kreuzreliquie empor. Der Feier wohnen Kaiserin Helena und ihr Sohn Kaiser Konstantin auf der rechten Seite sowie eine Gruppe von Sängern in ihren charakteristischen bodenlangen Gewändern und Kopfbedeckungen links bei.

Die Darstellung ist in dem für Novgorod charakteristischen Stil gemalt, der sich auf das Wesentliche beschränkt und ein helles, klares Kolorit bevorzugt, in dem ein dunkles Grün, ein leuchtendes Zinnoberrot sowie Weiß und Ocker dominieren.

Die Ikone gehörte ursprünglich zum Festtagsrang einer Ikonostase, von dem noch einige Ikonen in verschiedenen Sammlungen erhalten sind. Eine davon hängt neben der „Kreuzerhöhung“ in der 1. Etage des Ikonen-Museums. Sie hat die „Darstellung Christi im Tempel“ zum Thema.